Juni: Hello Hearts!


.

Hello Hearts!

.
Kolumnistin Susanne Kaloff macht sich jeden Monat ein paar Gedanken für uns, wie die Tage und Nächte süßer werden. Also theoretisch jedenfalls ...
.
Wir müssen uns für gar nichts schämen. Weder für unsere alte Liebe zu Axl Rose noch für miese Musik noch für unser Gestern.
.
Neulich am anderen Ende der Welt war ich in einem Second-Hand Store, es lief ein Song, der mich glücklich machte. Der Besitzer des Ladens fand für mich mit einem Telefonanruf raus, um welches Lied es sich handelte. Keine Ahnung, wo er, um diese Info zu erhalten, anrief, aber es klang so, als würde er seinen Kumpel bei einem Radiosender live an die Strippe holen lassen. Okay, das ganze fand auf Japanisch statt, ich verstand also nur Bahnhof. In der Wartezeit zog ich mir einen Lurex-Lumpen über den Kopf, der drei Millionen Yen kosten sollte - oder so ähnlich. Das wunderschöne Kleid kam aus Indien, erklärte er mir, aus den, Gähn, Siebzigern, woher sonst, Diggi, dachte ich. Er hatte einen riesigen Rostfleck auf dem Rücken. Also der Lumpen, nicht der Ladenbesitzer.
.
Das Lied war von Estelle, also kein großes unbekanntes Ding, sondern ein R&B Song von 2011. Mehr vorvorletzte Saison könnte ich heute gar nicht sein. Der Song heißt Thank You, und seitdem höre ich dieses kitschige Stück jeden Tag in Endlosschleife. Warum ich das alles erzähle? Weil es mich glücklich macht, und weil ich immer annehme, dass Sachen, die mich glücklich machen auch andere glücklich machen könnten. Und das würde mich sehr glücklich machen. In diesem Text kam nun schon vier Mal das Wort glücklich (5!) vor.
.
Dabei ist Glück unser Geburtsrecht. Das sagte jedenfalls Yogi Bhajan, mein Superstar. Das Kuriose ist, dass man das an miserablen Tagen komplett vergisst. Also KOMPLETT vergisst. Sollte heute so ein Tag sein, möchte ich daran erinnern, dass weder das Gute noch das Ungute, weder das Schöne noch das Hässliche bleiben, das es morgen schon wieder alles anders ist und dass selbst Estelle nicht mehr da ist, wo sie 2011 war, und es unter Umständen heute bereut, für irgendeinen Tölpel ein Stück geschrieben zu haben mit der Zeile: „You're my other half without you I cannot be whole, baby.“
.
Seit heute höre ich Loving You von ihr, 2017, also nur last season. Sie singt darin von einem Typen, der ihr Soulmate sei, ihr biggest fan. Will man das, einen Mann, der dein größter Fan ist? Wobei, vielleicht wäre eine Autogrammstunde im Bett mal was Neues. Aber es kommt noch doller: Ich höre Snow Patrol. Äffchen mit Händen vor den Augen an dieser Stelle vorstellen, bitte. Make This Go On Forever (2006). Blame it on Ruhrpott. Da war ich letzte Woche ja für eine kleine Lesung im Literaturhaus Herne. In Dortmund musste ich umsteigen in die S-Bahn, die Luft roch nach Kohle und Korn. Guns ’n Roses spielten an diesem Abend, Lederkutten, Bandshirts über Langarmshirts, Plastiktüten voll Dosenbier, ich mittendrin, äußerlich wie ein Alien, innen eine von ihnen. Wäre gerne mit ihnen weitergefahren, hätte mich unter sie gemischt, geraucht, getrunken, gegrölt, hätte Axl Rose dabei zugesehen, wie auch er nicht mehr 22 ist, hätte vergessen, wo ich herkomme und wo ich hinwill und es wäre gut gewesen für einen Augenblick.
.
Gestern Abend, nach einem Date bei Planten un Blomenbei dem ich eine Kugel Pistazieneis aß und mit meinem zukünftigen Nicht-Ehemann über den Buddhismus plauderte, kam ich durchgefroren heim. Ich pfiff mir zwei Teller Spaghetti rein und entdeckte auf meinem Laptop, dass ich etwas Lebenswichtiges übersehen hatte: Drei Folgen der zweiten Staffel von Divorce! Ungesehen! Es war vergleichbar mit dem Gefühl, wenn du in einem alten Mantel, den du mal auf dem Flohmarkt trugst, anstatt ihn zu verkaufen, einen zehn Euro Schein findest. Ach was, einen 1000 Euro Schein! Äh, 1000 Euro Scheine gibts gar nicht, oder? Na ja, dann einen 500 Euro Schein eben. In der 5. Episode „Breaking The Ice“, wenn Frances (SJP) die Neue ihres Ex auf der Schlittschuhbahn kennenlernt, kommt ein Lied von Yes, aus dem Jahr 1971. Es heißt Starship Trooper. Kleiner Textauszug: „Sister bluebird flying high above, shine your wings forward to the sun.“ Ich finde, das ist ein gutes Ende.

1 Kommentar

Großartig! Besonders der innere, Dosenbier-trinkende, rauchende Gun’s n Roses Fan…fühlte mich sehr verstanden! 🤘🏼

Stefanie Juni 23, 2018

Kommentar schreiben